150 Jahre zurück und 40 Jahre nach in die Zukunft
Warum unser Gehirn die Zukunft verdrängt und wie wir sie näher holen, erfahren Sie in diesem Newsletter

Liebe Leserin, lieber Leser
Willkommen zurück auf der Flussfahrt in die Zukunft! Nebel vor uns, Nebel hinter uns – und ein Fluss, der sich seinen Weg bahnt. Ich hoffe, Sie sind erholt und mit neuem Elan bereit für die Weiterfahrt.
Heute geht es um die Frage, warum es uns so schwerfällt, in Richtung Zukunft zu denken. Prävention ist nichts anderes als Zukunftsdenken: Was Sie heute tun, beeinflusst Ihr Morgen – und den Verlauf Ihres gesamten Lebens, besonders Ihre Gesundheit im Alter.
Trotzdem stehen wir auch im zweiten Monat des Jahres vor denselben Verlockungen: Sofa, Chipstüte, Smartphone, Fernseher – immer in Reichweite, immer gegen unsere guten Vorsätze. Fehlt uns der Wille zur Zukunftsgestaltung – oder gibt es tiefere Gründe in unserem Gehirn?
Warum wir die Zukunft verdrängen
Viele Menschen fühlen sich überfordert, wenn Lösungen Anstrengung über längere Zeit erfordern – besonders, wenn die Folgen erst in ferner Zukunft spürbar werden oder sogar über die eigene Lebensspanne hinausreichen. Verantwortung nimmt ab, sobald wir ahnen, dass wir die vollen Konsequenzen vielleicht gar nicht mehr erleben.
Die grösste Gefahr ist nicht die Erkrankung selbst, sondern unsere Trägheit, uns darauf vorzubereiten.
Ob Klimawandel, Altersvorsorge oder chronische Rückenschmerzen: Wir wissen, dass etwas auf uns zukommt. Wir wissen, dass mehr Bewegung dem Rücken guttut und weniger Autofahren der Umwelt. Doch die Konsequenzen sind selten unmittelbar. Der Rücken schmerzt, aber irgendwie geht es weiter. Gerade weil die Folgen nicht sofort gravierend sind, verlieren sie emotional an Gewicht – je weiter entfernt, desto mehr.
So bleibt Verantwortung diffus. Statt nachhaltiger Lösungen begnügen wir uns mit symbolischen Handlungen, die kurzfristig beruhigen, aber langfristig wenig verändern. Wir schieben die Zukunft weg – mit Wissenschaftsskepsis, Wunschdenken und der Hoffnung, dass es schon gutgehen wird.
Zukunft ist relativ
Unsere Vorstellung von Zukunft ist immer relativ zur Gegenwart. Geht es uns schlecht, hoffen wir, dass es besser wird. Geht es uns gut, wirkt Zukunft schnell wie eine Bedrohung des Status quo. Deshalb blicken Menschen in unsicheren Regionen oft optimistischer nach vorne als jene, denen es materiell gut geht.
Doch Zukunft ist nichts, in das wir einfach hineingleiten. Eine gesunde Zukunft entsteht durch Entscheidungen im Hier und Jetzt – durch die Bereitschaft, sich wahrzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv mitzuwirken.
Die Zeitmaschine im Kopf
Ein Blick ins Gehirn hilft, diese passive Haltung zu verstehen. Oder, mit Marty McFly: Es geht zurück in die Zukunft!
In einer deutschen Studie mit 300 Personen wollten die meisten lieber in die Vergangenheit reisen – im Schnitt 150 Jahre zurück, aber nur 40 Jahre nach vorne. Die Zukunft wirkt fremd, ungewiss, schwer greifbar.
Warum? Weil wir ein weites Zukunftsdenken historisch kaum gebraucht haben. Über den grössten Teil unserer Geschichte waren wir mit heute und morgen beschäftigt. Übermorgen war wenig relevant – ferne Zeithorizonte legten wir in Gottes Hand. Die ferne Zukunft bot keinen unmittelbaren Überlebensvorteil, also ist sie in unserem Gehirn nur schwach angelegt.
Hippocampus und Gürtelwindung: Wer spielt mit?
Der Hippocampus ist ein zentraler Teil unseres Gedächtnisses – eine kleine Struktur, die einem Seepferdchen ähnelt. Er speichert nicht nur Erinnerungen, sondern nutzt sie, um mögliche Zukünfte zu entwerfen. Vergangenheit und Zukunft liegen also anatomisch eng beieinander – beides geht verloren, wenn der Hippocampus zerstört wird, wie etwa bei Alzheimer. Dann verlieren Menschen nicht nur Erinnerungen, sondern auch die Fähigkeit, sich ihre eigene Zukunft lebendig vorzustellen und zu planen.
Eine zweite wichtige Struktur ist der Gyrus cinguli, die Gürtelwindung. Sie zieht sich in der Mitte des Gehirns von vorne nach hinten und ergänzt unsere Gedanken um das Ich – also unsere eigene Person.
Wenn Sie an Ihren nächsten Urlaub denken, ist der Hippocampus aktiv (Sie formen ein Bild), und die Gürtelwindung ist aktiv (Sie sehen sich selbst darin). Je näher eine Zukunft ist, desto stärker sehen wir uns selbst in ihr. Beim Gedanken an den Grillabend am Wochenende sind wir mitten im Geschehen – beide Strukturen sind aktiv. Deswegen freuen wir uns aufs Wochenende.
Denken wir an eine ferne Zukunft, ändert sich das: Der Hippocampus ist aktiv, aber die Gürtelwindung fällt weg. Aus neuronaler Sicht spielt unser Ich in der fernen Zukunft kaum eine Rolle. Je weiter weg die Zukunft ist, desto egaler ist sie uns.
Zukunft hat keinen guten Geschmack
Zukunft ist nicht sinnlich erfahrbar. Wir können sie denken, aber nicht riechen, schmecken oder fühlen. Der Tee von morgen hat heute keinen Duft, eine gesunde Lunge in 30 Jahren erzeugt im Jetzt kein Gefühl.
Unsere Gegenwart erleben wir über die Sinne – die berühmten drei Sekunden, in denen wir die Welt unmittelbar wahrnehmen. Der Tee der Zukunft bleibt geruchlos. Deshalb bleibt Zukunft abstrakt – aber nicht handlungsleitend.
Darum greifen gut gemeinte Ratschläge oft ins Leere: „Wenn Sie jetzt mit dem Rauchen aufhören, ist Ihre Lunge in 30 Jahren wieder nikotinfrei.“ Keine 20 Minuten später steht die Person wieder mit Zigarette vor der Tür. Das Bild einer Lunge in 30 Jahren reicht nicht – unser Ich kommt in dieser Zukunft kaum vor. Für die Gürtelwindung liegt das alles viel zu weit weg.
Ganz einfach: Was weit weg ist, lässt uns kalt.
Was das für Sie bedeutet
Unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgerichtet, nahe und konkrete Gefahren ernst zu nehmen – nicht abstrakte Risiken in ferner Zukunft. Wir sind gebaut für Raubtiere in der Nacht oder die Ernte am nächsten Tag, nicht für statistische Risiken, exponentielle Prozesse oder systemische Kipppunkte.
Je abstrakter und weiter weg eine Gefahr ist, desto weniger ist das Ich in unseren Zukunftsgedanken beteiligt – und desto schwerer fällt es, eine konsequente Strategie zu entwickeln.
Aber: Wir sind dieser Logik nicht ausgeliefert. Wir können lernen, Zukunft näher zu holen, persönlicher und greifbarer zu machen.
Wie? Das lesen Sie im nächsten Newsletter oder Sie erfahren es direkt und hautnah bei folgendem Kurs:
Vom Vorsatz zur Identität – Verhalten wirklich verändern
Sie haben sich Vorsätze gemacht – und sind gescheitert? Wieder und wieder? Das Problem ist nicht Ihre Willenskraft. Vorsätze erreichen Ihr Unbewusstes nicht – und Ihre Gürtelwindung interessiert sich nicht dafür.
Genau hier setzt unser neuer Kurs an: Statt Vorsätze zu formulieren, die nach zwei Wochen verpuffen, lernen Sie, ein Mottoziel zu definieren – ein kraftvolles inneres Bild, das Sie in Ihre gewünschte Zukunft führt.
In diesem Kurs lernen Sie:
- Warum Vorsätze oft scheitern – und was stattdessen funktioniert
- Wie Sie ein klares Zukunftsbild kreieren, das Orientierung bietet
- Warum Bilder Ihr Unbewusstes ansprechen – und Verhalten dadurch leichter verändern
- Wie Sie Ihr Mottoziel konkret im Alltag verankern
Der Kurs baut auf dem Haltungskurs auf: Sie haben bereits gelernt, Ihren Körper bewusst wahrzunehmen und ergonomisch aufzuspannen. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter: Sie entwickeln ein inneres Bild, das Sie trägt und leitet.
🗓 Samstag, 21. März 2026, 08:30–12:00 Uhr
💰 Kosten: CHF 200.–
👥 Max. 6 Teilnehmende
📍 Vorderdorfstrasse 46, 8753 Mollis
Bis dahin: Geniessen Sie Ihre drei Sekunden Gegenwart – und vielleicht ja schon ein paar freundliche Gedanken an Ihr zukünftiges Ich.
Herzlich
Juliane
THE BALANCE ACADEMY
