Kein Königsorgan

Das Gehirn gilt als Chef. Die Embryologie sieht das anders. Entdecken Sie, warum Gesundheit kein Kopfprojekt ist. 

Liebe Leserinnen und Leser

Wir leben in einer Zeit, in der das Gehirn als das wichtigste Organ gilt. Der Sitz unserer Intelligenz, unserer Entscheidungen und unserer Persönlichkeit. Wer klug denkt, gilt als überlegen. Wer «im Kopf stark» ist, gilt als gesund.

Aber stimmt das wirklich?

Wo der Mensch beginnt

Um zu verstehen, warum diese Annahme so nicht ganz korrekt ist, müssen wir zurückgehen – nicht weit in der Zeitlinie, sondern zurück in den Bauch einer Mutter. (An alle Mütter: Alles Gute zum Muttertag💖 – was Grandioses in eurem Körper völlig still passiert!)

Zellklumpen werden im Bauch einer Frau zu Menschen. Ganz am Anfang entwickelt sich der kleine Mensch aus drei embryonalen Anlagen – drei sogenannte Keimblättern, gleichzeitig entstanden, gleichwertig von Beginn an.

Der erste durchzieht uns und verknotet sich in der Mitte. Er wird zu unserem Blutgefässsystem, aus dem das Herz als zentraler Gefässknoten entsteht – jener unermüdliche Muskel, der bereits in der achten Schwangerschaftswoche zu schlagen beginnt und seitdem nicht mehr aufgehört hat. Während so manch einer zu sich sagt, dass irgendetwas gerade nicht so läuft wie es sein soll, legt dieser Muskel still und ohne Aufhebens seine vielleicht schon, zwanzigtausendste Vierundzwanzig-Stunden-Schicht ein.

Der zweite formt sich auf unserem Rücken, bildet eine Blase, die an das oberste Ende des Körpers wandert und dort bleibt. Er wird zu Rückenmark und Nervensystem – und schliesslich zum Gehirn, jenem Organ, dem wir so gerne die Hauptrolle geben.

Der dritte durchzieht uns von oben nach unten. Er wird zum Darmrohr – und richtet von dort aus unsere gesamte Innenwelt ein. Er bildet Knospen, die sich zu Lungen ausbuchten. Er stülpt sich aus und wird zur Leber, zur Gallenblase, zur Bauchspeicheldrüse. Und er selbst wird immer trickreicher – formt eine Speiseröhre, bildet einen Magenbeutel, und entwickelt sich schliesslich zu jenem komplexen System, das wir heute als zweites Gehirn kennen.

Drei Anlagen – eine verblüffende Gemeinsamkeit

Was uns dabei kaum bewusst ist: Innerhalb jedes dieser Keimblätter entstehen Strukturen, die im fertigen Körper scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Das Herz, das unaufhörlich pumpt, die Muskeln, die uns tragen und bewegen, das Skelett, das uns aufrecht hält, und das gesamte Bindegewebe, das alles zusammenhält – sie scheinen einander völlig fremd. Räumlich weit voneinander entfernt, in Funktion und Form kaum vergleichbar. Und doch entstammen sie ein und demselben Keimblatt – derselben embryonalen Anlage, die sich durch Faltungen und Stülpungen in diese scheinbare Verschiedenheit entfaltet hat.

Die Lunge, die Leber, der Darm – ebenfalls scheinbar verschieden, ebenfalls aus einer einzigen Anlage geformt.

Und die Haut, die wir jeden Morgen im Spiegel sehen, das Rückenmark, das still durch unsere Wirbelsäule zieht, und das Gehirn, das wir so gerne zum Chef ernennen – sie alle entstammen demselben dritten Keimblatt.

Keine Hierarchie. Kein Königsorgan. Drei gleichwertige Ursprünge – aus demselben Gewebe, zur selben Zeit.

Warum also behandeln wir das Gehirn später so, als wäre es der Chef?

Die vergessene Rehabilitierung

In der Embryologie gibt es keine Hierarchie. Und doch haben wir als Gesellschaft eine Rangordnung erfunden. Das Gehirn wurde zum Königsorgan erklärt. Der Darm wird gerade langsam rehabilitiert – die Wissenschaft spricht bereits vom Darmhirn, und das Thema ist im Mainstream angekommen.

Aber der Bewegungsapparat – Muskeln, Knochen, Faszien – wartet noch immer auf seine Anerkennung. Dabei ist er es, der massgeblich bestimmt, wie wir uns als Mensch wahrnehmen. Wie wir uns fühlen. Wie sicher, wie präsent, wie lebendig wir sind.

Das Gehirn empfängt diese Signale – es wertet sie aus, interpretiert sie, gibt ihnen einen Namen. Aber es erfindet sie nicht. Es bekommt sie geschickt. Von einem Körper, der längst weiss, was er tut.

Der Körper spricht – hören wir zu?

Und unsere Körperhaltung? Sie ist kein Nebenschauplatz. Sie ist ein ständiges Signal an unser Gehirn – eine Frage, die der Körper unaufhörlich stellt: Wer bin ich? Wie sicher bin ich? Bin ich offen oder verschlossen?

Unser Körper formt unsere Selbstwahrnehmung – jeden Moment, ohne dass wir es merken.

Gesundheit ist kein Kopfprojekt

Als Gesellschaft haben wir verlernt, den Körper als gleichwertigen Partner zu betrachten. Wir behandeln Schmerzen mit Medikamenten. Stress mit Kognition. Depression mit Gesprächen. Alles richtig – aber immer nur ein Drittel der Lösung.

Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit ist das Zusammenspiel von Körper, Geist und sozialem Umfeld – drei Kräfte, wie drei Keimblätter, gleichwertig und untrennbar verbunden.

Genau von diesem Zusammenhang handelt mein Buch «Balance statt Schmerz – Über die Körper zur gesunden Identität». Wie der Körper nicht nur Träger unserer Gesundheit ist, sondern Raumgeber für unsere Identität. Wie Haltung und Bewegung nicht Mittel zum Zweck sind, sondern eine Sprache – eine Sprache, die das Gehirn versteht und die unser Selbstbild täglich neu schreibt und gleichzeitig die strukturelle Gesundheit dabei unterstützt. 

Wer das nicht nur verstehen, sondern in seinem eigenen Körper erfahren möchte – mit gezielter Bewegung und Haltung als konkretes Werkzeug – dem empfehle ich meinen Kurs «Bewegung als Medizin».

Der Körper ist nicht das Werkzeug des Geistes.

Er ist sein gleichwertiger Ursprung.

Herzlich

Juliane von der THE BALANCE ACADEMY