Wo das Ich entsteht – und warum das alles verändert

Die Seescheide isst ihr Gehirn auf, weil Bewegung und Denken untrennbar sind. Doch wo entsteht unser Ich eigentlich? Und warum fehlt es in der Zukunft?

Liebe Leserinnen und Leser

Im letzten Newsletter haben wir uns gefragt, warum es uns so schwerfällt, für die Zukunft zu handeln. Die Antwort lag im Gehirn: Wenn wir an die ferne Zukunft denken, fällt die Gürtelwindung weg – unser Ich ist nicht mehr dabei. Die Zukunft bleibt abstrakt, körperlos, gefühllos.

Doch das wirft eine tiefere Frage auf, die mich sehr beschäftigt:

Wo entsteht das Ich eigentlich?

Mehr als ein Kopfphänomen

Grummelige Stimmungen, Freude, Unsicherheit, Wohlbefinden oder Sorgen kommen nicht nur isoliert aus dem Schädel. Wir sind Menschen mit Armen und Beinen, Herz, Lungen und Darm. Die Verkopfung unserer Wissenschaft hat uns lange blind dafür gemacht, dass unser Ich mehr ist als das Gehirn.

René Descartes hat es einmal so formuliert: «Ich denke, also bin ich.»

Die neuere Forschung – insbesondere am Darm, aber auch an einem faszinierenden Hirnareal namens Insula – legt nahe, dass wir diesen Satz vorsichtig ergänzen sollten.

Doch dazu später mehr.

Die Landkarte der Gefühle

Die Insula ist das Forschungsgebiet eines der genialsten Köpfe unserer Zeit: Bud Craig. Er hat über zwanzig Jahre mit schier unmenschlicher Geduld Nerven eingefärbt und ihre Verläufe ins Gehirn verfolgt. Irgendwann kam er aus seinem Labor und hielt einen einstündigen Vortrag über eine einfache, aber revolutionäre Hypothese:

Die Insula ist der Ort, an dem unser Ich entsteht.

Hier ist, wie das funktioniert: Die Insula bekommt Gefühlsinformationen aus dem gesamten Körper. Jede Information ist wie ein Pixel – die Insula setzt aus vielen Pixeln ein Bild zusammen. Dieses Bild ist eine Landkarte der Gefühle.

Wenn wir gerade auf einem Stuhl sitzen, merken wir die plattgedrückte Haut, stellen fest, dass uns kalt ist oder wir Hunger haben. All das zusammen ergibt ein Gesamtbild: ein hungriger, frierender Mensch auf einem harten Stuhl. Nicht fabelhaft, nicht furchtbar – eher so lala.

Die Seescheide und das aufgegessene Gehirn

Und wozu dient dieses Bild?

Der Neurowissenschaftler Daniel Wolpert hat eine provokante These aufgestellt: Die einzige Aufgabe unseres Gehirns ist Bewegung.

Als Beweis dafür dient ein kleines, unscheinbares Tier: die Seescheide. Sie gehört – wie wir Menschen – zu den Chordatieren und besitzt ein kleines Gehirn sowie eine Art Rückenmark. Über dieses Rückenmark schickt das Gehirn seine Befehle an den Körper und bekommt dafür interessante Neuigkeiten zurück – Informationen von Hautsensoren über Wassertemperatur, Strömungen und Fressbares in der Umgebung.

Mit diesen Informationen ausgestattet, navigiert die junge Seescheide durch den grossen Ozean. Sie sucht einen Ort, der ihr besonders gut gefällt – sicher, wohltemperiert, in nahrhafter Umgebung.

Sobald sie einen solchen Felsen gefunden hat, macht sie etwas Bemerkenswertes: Sie bleibt.

Und dann – das ist der Moment, der alles erklärt – tut sie Folgendes:

Sie isst ihr Gehirn auf.

Es erscheint nicht mehr notwendig.

Wer sich nicht mehr bewegt, braucht kein Gehirn. Bewegung und Denken sind untrennbar – bei der Seescheide genauso wie bei uns.

Mit der Landkarte der Insula kann das Gehirn also sinnvolle Bewegungen planen. Wenn das Ich fröstelnd und hungrig herumsitzt, ist das eine gute Motivation, etwas daran zu ändern – aufstehen, zum Kühlschrank gehen, eine warme Jacke holen. Eines der höchsten Ziele unserer Bewegungen ist es, uns immer wieder zu einem gesunden Gleichgewicht zu bewegen: von kalt zu warm, von unglücklich zu glücklich, von müde zu wach.

Leben ist also nicht nur Bewegung – Bewegung ist das Leben selbst.

Das Ich ist ein Film

Alle vierzig Sekunden erstellt die Insula ein neues Bild unseres fühlenden Körpers. Hintereinander ergeben diese Bilder einen Film.

Den Film unseres Ichs. Unser Leben.

Und dieser Film ist nie nur ein Kopffilm. Er enthält Körpergefühle, soziales Mitgefühl, moralische Überzeugungen, logische Gedanken – alles zusammen ergibt das, was wir als «uns selbst» erleben.

Deshalb können wir auf das Erstgefühl «Kälte» so viel komplexer reagieren als andere Tiere: «Komisch, dieses Kältegefühl. Ich bin doch in einem beheizten Raum. Vielleicht werde ich krank?»

Je mehr Informationen wir verbinden, desto klügere Entscheidungen können wir treffen.

Zurück zur Zukunft

Erinnern Sie sich an den letzten Newsletter? An die Gürtelwindung, die bei der fernen Zukunft einfach abschaltet?

Jetzt wird klar, warum das so problematisch ist.

Wenn unser Ich aus Körpergefühlen besteht – aus ganz konkreten, sinnlich erfahrbaren Momenten – dann kann es sich in einer Zukunft, die weder riecht noch schmeckt noch fühlbar ist, schlicht nicht wiederfinden.

Das zukünftige Ich ist körperlos. Und was körperlos ist, bewegt uns nicht.

Deshalb essen wir heute die Schokolade, obwohl wir morgen gesünder leben wollten. Deshalb schieben wir die Bewegung auf, obwohl wir wissen, dass unser Rücken es uns dankt. Deshalb fühlen sich Vorsätze nach zwei Wochen schal an – weil das Ich, für das wir sie gemacht haben, kein Gesicht, keinen Körper, kein Gefühl hat.

«Ich fühle, daraufhin denke ich, also bin ich» – so müsste Descartes heute formulieren.

Und wenn das zukünftige Ich nicht gefühlt werden kann, existiert es für unser Gehirn schlicht kaum.

Was wäre, wenn Sie Ihr zukünftiges Ich fühlen könnten?

Das ist keine rhetorische Frage.

Es gibt einen Weg, das zukünftige Ich greifbarer, körperlicher, spürbarer zu machen. Nicht durch mehr Disziplin oder stärkere Willenskraft – sondern durch ein inneres Bild, das die Insula verarbeiten kann.

Ein Bild, das nicht abstrakt in der Ferne bleibt, sondern das Sie jetzt fühlen.

Genau das ist das Herzstück des neuen Kurses:

Vom Vorsatz zur Identität – Verhalten wirklich verändern

Sie haben sich Vorsätze gemacht – und sind gescheitert? Wieder und wieder?

Das Problem liegt nicht an Ihrer Willenskraft. Das Problem liegt daran, dass blosse Vorsätze Ihr körperliches Ich nicht erreichen – und die Insula damit nicht arbeiten kann.

In diesem Kurs entwickeln Sie ein inneres Bild Ihres zukünftigen Ichs – eines, das nicht abstrakt bleibt, sondern in Ihrem Körper verankert ist.

Was Sie lernen:

                  ∙Warum Vorsätze oft scheitern – und was stattdessen funktioniert

                  ∙Wie Sie ein klares Zukunftsbild kreieren, das Orientierung bietet

                  ∙ Warum Bilder Ihr Unbewusstes ansprechen – und Verhalten dadurch leichter verändern

                  ∙Wie Sie dieses Bild konkret in Ihrem Körper verankern und im Alltag leben

Dieser Kurs baut auf dem Haltungskurs auf. Sie haben bereits gelernt, Ihren Körper bewusst wahrzunehmen und ergonomisch aufzuspannen. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter: Sie entwickeln ein inneres Bild, das Sie trägt und leitet – und das Sie körperlich spüren.

🗓 Termin: Samstag, 21. März 2026, 08:30–12:00 Uhr, Vorderdorfstrasse 46, 8753 Mollis

💰 Kosten: CHF 220.–

👥 Max. 6 Teilnehmende

 

Herzlich

Ihre Juliane von der THE BALANCE ACADEMY