Die vergessene Dimension der Gesundheit

Eine gelungene Begegnung ist nicht nur emotional schön – sie ist physiologisch heilsam. Über die soziale Dimension von Gesundheit.

Die vergessene Dimension der Gesundheit

Liebe Leserin, lieber Leser

In letzter Zeit habe ich Ihnen viel über die biologischen und psychologischen Zusammenhänge von Gesundheit geschrieben. Heute möchte ich eine Ebene aufgreifen, die hin und wieder in Vergessenheit gerät, aber genauso wichtig ist für Ihre Gesundheit: die soziale Dimension. Denn Gesundheit entsteht nicht nur im Körper oder im Kopf, sondern auch zwischen Menschen.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat dafür eine Unterscheidung geprägt, die ich sehr treffend finde und die mich immer wieder beschäftigt: die zwischen Situation und Konstellation. Eine Situation kann ich gestalten. Ich kann hineingehen, etwas verändern, in Beziehung treten. Eine Konstellation hingegen ist die Anordnung der Verhältnisse, in der ich mich bewege – die Strukturen, die Abläufe, die Erwartungen. Und Rosa beobachtet: Unsere Konstellationen werden enger und dominieren oft. Vieles wird kleinteilig geregelt, Verantwortung wird verschoben, Entscheidungen werden aufgeschoben. Menschen werden zunehmend nicht mehr handelnde Subjekte, sondern Vollziehende. Sie treten nicht mehr wirklich in Beziehung – sie wickeln ab.

Das hat Folgen, die weit über das Bürokratische oder allgemeiner formuliert das Berufliche hinausgehen. Wenn Begegnungen nur noch funktional sind, verlieren wir das, was uns Menschen über die Jahrtausende zusammengehalten und am Leben erhalten hat: die Erfahrung von Resonanz. Davon, gesehen und gehört, gemeint und gebraucht zu sein.

Aus evolutionärer Sicht ist der Einzelne in der Wildnis nicht überlebensfähig. Was den Menschen gerettet hat, war die Sippe – die Gemeinschaft, die getragen, geschützt und versorgt hat. Heute sind wir biologisch noch immer fast dieselben Wesen. Unser Nervensystem wartet auf das, was es seit Urzeiten erwartet: Zugehörigkeit, Berührung, Verbundenheit. Wenn wir das erleben, schüttet unser Körper Oxytocin aus – jenen Botenstoff, der Stress dämpft, Schmerzen lindert, das Immunsystem stärkt und das Vertrauen in andere Menschen wachsen lässt. Eine gelungene Begegnung ist also nicht nur emotional schön. Sie ist physiologisch heilsam.

Umgekehrt macht Einsamkeit krank – und zwar messbar. Studien zeigen, dass chronische soziale Isolation das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und sogar Demenz erhöht. Eine Leistungsgesellschaft, die den Einzelnen optimiert und gleichzeitig isoliert, ist also nicht nur sozial bedenklich. Sie ist auch ein gesundheitliches Problem.

In meinem Buch «Balance statt Schmerz», das im Sommer 2026 erscheint, beschreibe ich vier Dimensionen, in denen Gesundheit entsteht. Eine davon ist der vierte Quadrant der Forchhammer-Matrix: die Wirkung nach aussen, die soziale Resonanz – eine Dimension der Gesundheit, die im Alltag oft wenig Aufmerksamkeit bekommt. Heute weiss ich: Ohne diesen Quadranten wäre die Matrix unvollständig. Denn der Mensch wird gesund nicht trotz anderer Menschen, sondern auch durch andere Menschen. Und ein tragfähiges Netz an gesunden Beziehungen hilft uns selbst dann, mit schwierigen Situationen umzugehen, wenn körperliche Erkrankungen vorhanden sind, die nicht mehr heilbar sind.

Eine Einladung zum Nachspüren

Vielleicht möchten Sie in dieser Woche einmal beobachten:

Woran erkennen Sie selbst, dass eine Begegnung gelungen war? Was bleibt im Körper zurück, wenn Sie sich wirklich gemeint gefühlt haben? Und umgekehrt: Welche Begegnungen lassen Sie eher müde, leer oder angespannt zurück?

Diese kleine Aufmerksamkeit ist mehr als Reflexion. Sie ist eine Form von Selbstfürsorge. Denn wer sich selbst gut spürt, kann besser für sich sorgen – und beginnt unweigerlich, mehr von dem in sein Leben einzuladen, was ihm guttut.

Herzlich 

Juliane Forchhammer