Herzlichen GlĂĽckwunsch zum Weltfrauentag! đź’–

Die Medizin wurde für Männer entwickelt. Frauen sind – sorry – ein Sonderfall. Ein Weltfrauentags-Newsletter.

Liebe Leserinnen und Leser

Heute ist Weltfrauentag.

Ein Tag fĂĽr Fortschritt, Gleichberechtigung und Anerkennung.

Lassen Sie mich mit einer unbequemen Wahrheit beginnen:

Die Medizin wurde für Männer entwickelt. Frauen sind – sorry – ein Sonderfall.

Nicht offiziell, natürlich. Offiziell ist alles individuell, gendergerecht und auf höchstem wissenschaftlichen Niveau.

Aber schauen wir doch mal genauer hin.

Der Mann: Die Normgrösse

Stellen Sie sich vor, Sie gehen als Frau in ein Schuhgeschäft. Alle Schuhe sind nach Männerfüssen designt. Der Verkäufer sagt: «Keine Sorge, wir haben inzwischen so viele Grössen, dass Sie schon etwas Passendes finden.»

Sie wĂĽrden ziemlich sicher den Laden verlassen.

In der Medizin? Können Sie das leider nicht.

Jahrzehntelang galt eine einfache, aber fatale Regel: Der männliche Körper ist der Standard. Der weibliche Körper ist die Abweichung.

Medikamente? An männlichen Probanden getestet.Implantate? An männlichen Skeletten entwickelt.Symptome? Nach männlichen Mustern diagnostiziert.

Die Frau? War kompliziert. Hormone, Schwangerschaft, Zyklus – viel zu viele Variablen, die nur Kosten generieren.

Also hat man sie einfach weggelassen.

Contergan und die Folgen: Schutz wurde zum Ausschluss

Nach dem Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren wurden Frauen im gebärfähigen Alter systematisch aus frühen Studienphasen ausgeschlossen – zum Schutz möglicher, noch ungeborener Kinder. Was als Vorsichtsmassnahme begann, wurde zur Norm. Und diese Norm hatte Konsequenzen: Der männliche Körper war nicht der Standard – er war der einzige Körper, den man kannte.

Ein Beispiel: Die HĂĽftprothese

Nehmen wir die Hüftendoprothetik – ein Bereich, den ich in meiner täglichen Arbeit in der Praxis gut kenne.

Es gibt signifikante anatomische Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Hüftgelenken. Das ist wissenschaftlich längst bestätigt. Trotzdem wurden klassische Prothesendesigns jahrzehntelang auf Basis von Daten entwickelt, in denen männliche Skelettstrukturen überrepräsentiert waren.Frauen bekamen also Prothesen, die im Verhältnis zu ihrer Knochenform oft zu «grobschlächtig» oder falsch gewinkelt waren. Wie ein Anzug, der nicht richtig passt – nur dass man den nicht einfach zurückgeben kann.

Heute sagt die Industrie: «Kein Problem! Wir haben jetzt so viele verschiedene Grössen, dass geschlechtsspezifische Unterschiede ausgeglichen werden können.»

Nur: Spezielle «Frauenprothesen» gibt es namentlich kaum. Die Individualisierung erfolgt über ein Portfolio, das ursprünglich für männliche Körper entwickelt wurde.

Die Unterschiede sind nicht trivial: Männer haben einen grösseren Abstand zwischen Hüftkopf und Oberschenkelschaft. Die Hüftpfanne der Frau hat einen anderen Neigungswinkel, der Schenkelhalswinkel ist anders, die Beckenbreite ist grösser – und der sogenannte Q-Winkel ist ebenfalls grösser, was die Biomechanik des gesamten Beines verändert.

Und selbst moderne Implantate können geschlechtsspezifische Unterschiede in der Biomechanik – etwa bei der Gangasymmetrie – nicht vollständig ausgleichen, wie eine aktuelle Studie in Nature (2024) zeigt.

Die Medizin lernt gerade erst, dass «Einheitsgrösse» nicht funktioniert.

Ich sehe das in meiner Praxis immer wieder.

Eine Patientin – kleine, zarte Statur – hatte seit ihrer Kindheit eine Skoliose und eine Beinlängendifferenz. Jahrzehntelang hatte sich ihr Körper an diese Situation angepasst. Dann musste eine Hüfte ersetzt werden. Der Arzt nahm eine Standardhüfte und glich die Beinlängendifferenz aus. Klingt logisch, oder? Klingt nach «Korrektur».Die Folge: massivste Schmerzen im unteren Rücken und auf der anderen Seite am Hüftgelenk. Von einem Tag auf den anderen wurde ein System, das jahrzehntelang funktioniert hatte, komplett auf den Kopf gestellt. Der Körper hatte sich arrangiert – und wurde in diesem Fall ohne Rücksicht auf seine Geschichte massiv «korrigiert».

Das ist keine Individualisierung. Das ist Standardisierung mit einem neuen Etikett.

41 % – soll das Gleichberechtigung sein?

Seit 2022 verlangt die EU, dass klinische Studien geschlechts- und altersrepräsentativ sein müssen. Klingt nach Fortschritt. Doch die Realität? Eine Analyse von über 1.400 Studien ergab, dass der Frauenanteil im Durchschnitt bei 41 % lag.

41 %.

Das heisst: Die Mehrheit der medizinischen Daten stammt noch immer von Männern. Bis heute gibt es keine strikte Regelung, die eine 50:50-Verteilung vorschreibt. Abweichungen müssen lediglich «wissenschaftlich begründet» werden.

Übersetzung: «Zu kompliziert, zu teuer, zu viele Hormone.»

Der männliche Körper bleibt der heimliche Standard.

Was das bedeutet

Die Konsequenzen sind keine Theorie. Sie sind Alltag: Medikamente wirken bei Frauen oft anders – aber das erfährt man erst, wenn’s schon verschrieben wurde. Symptome werden übersehen – ein Herzinfarkt äussert sich bei Frauen anders, wird aber nach männlichem Muster diagnostiziert. Mit möglichen tödlichen Folgen. Implantate passen nicht optimal – weil sie auf männlichen Daten basieren.

Die unsichtbare Patientin ist kein Märchen. Sie ist Realität.

Was sich ändern muss

Es bewegt sich etwas – aber nach wie vor viel zu langsam. Die Forschung fordert geschlechtsspezifische Analysen – seit Jahren.Die Endoprothetik arbeitet mit digitaler Planung – für die, die es sich leisten können. Aber solange Frauen in Studien unterrepräsentiert bleiben, solange Implantate auf männlichen Daten basieren, solange der männliche Körper der unausgesprochene Standard ist, bleibt die Medizin das, was sie immer war: Eine Medizin für Männer – mit nachträglichen Anpassungen für Frauen.

Das ist kein Fortschritt. Das ist ein Kompromiss.

Und Kompromisse sind keine Gleichberechtigung.

Was Sie tun können

Fragen Sie nach. Ist dieses Implantat für meine Anatomie geeignet? Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wirkung der Medikamente? Lassen Sie sich nicht mit «Das passt schon» abspeisen.

Denn Medizin sollte für alle passen – nicht nur für die Hälfte der Menschen.

Ein anderer Weg: Der individuelle Blick

In meiner Praxis behandle ich jeden Menschen individuell. Vor mir steht immer ein Mensch mit einem ganz individuellen Bewegungsmuster, einer ganz individuellen Haltung. Die gesamte Geschichte – körperlich, emotional – ist in der Körperstruktur gespeichert.

Dieser individuelle Blick auf den Menschen ermöglicht spezifische Unterstützung. Keine Standardlösungen. Keine nachträglichen Anpassungen. Sondern ein Verstehen dessen, was Ihr Körper braucht.

Wenn Sie wissen wollen, wie Ihre Haltung Ihre emotionale Befindlichkeit beeinflusst und gleichzeitig Ihre strukturelle Gesundheit erhält, lade ich Sie herzlich ein:

🗓 Kurs: BEWEGUNG ALS MEDIZIN📅 Freitag, 30. Mai 2026🕗 08:30–12:00 Uhr📍 Vorderdorfstrasse 46, 8753 Mollis💰 Kosten: 200.- CHF 👥 Max. 6 Teilnehmende

Herzlichen GlĂĽckwunsch zum Weltfrauentag.

Möge die Medizin eines Tages wirklich passen.

Herzlich

Ihre 

Juliane Forchhammer von der THE BALANCE ACADEMY