Nichts fühlen

Wo genau spüren Sie Hunger? Und wie fühlt sich Liebe an? Ein Gedankengang darüber, was ein Gefühl eigentlich ist und warum manche Menschen «hinter Glas» stehen.

Liebe Leserin, lieber Leser

Es gibt einfache Gefühle und komplexe. Hunger, Müdigkeit, Durst oder Bewegungslust sind relativ einfache Zustände, die wir im Normalfall schnell erkennen und zuordnen können.

Aber wenn ich Sie frage: Wo genau spüren Sie Hunger? Im Bauch? Im Magen? Und wie fühlt er sich an: Ziehen, Leere, Unruhe? Dann wird jeder eine andere Antwort geben, denn jeder erlebt Hunger ein wenig anders.

Die meisten Menschen wissen sofort, dass sie Hunger haben. Beschreiben können sie ihn oft kaum. Und wenn schon das beim Hunger schwerfällt, wie ist es dann bei komplexen Gefühlen wie Liebe, Freude oder Verbundenheit? Wann und wie genau fühle ich, dass ich liebe oder mich verbunden fühle?

Hinter Glas

Manchmal geht der Zugang zu den eigenen Gefühlen noch weiter verloren. Manche Menschen beschreiben es so, als stünden sie hinter Glas. Sie sehen alles, hören alles, beobachten sich selbst und kommen doch nicht an sich heran. Es ist alles da, und trotzdem fühlen sie nichts, ähnlich wie bei einer Taubheit auf der Haut.

Was geschieht da eigentlich?

Was ein Gefühl eigentlich ist

In der Emotionspsychologie gibt es dazu das sogenannte Komponentenmodell. Es sagt: Ein Gefühl ist kein einzelner Moment, sondern das Ende einer Kaskade.

Zuerst nehmen wir etwas wahr, über Augen, Ohren, Nase, Haut, also über unsere Sinnesorgane und damit über den Körper. Dann wird innerlich blitzschnell und unbewusst sortiert: Was bedeutet das für mich, für meinen Körper, für mein Leben? Ist es bedrohlich oder angenehm?

Darauf reagiert zuerst der Körper. Der Herzschlag verändert sich, die Atmung wird flacher, der Muskeltonus steigt. Es wird bereits Energie bereitgestellt, ein Impuls, etwas zu tun, bahnt sich an. Im Gesicht huscht vielleicht ein Hauch von Mimik vorbei, und die Körperhaltung verändert sich. All das geschieht, ohne dass wir uns bewusst dafür entscheiden. Der Körper macht diese Veränderungen von selbst.

Erst ganz am Ende, wenn sich die Haltung bereits verändert hat, drängt diese Gemengelage an die Oberfläche des Bewusstseins. Wir bewerten sie und geben ihr einen Namen: Das ist Angst. Das ist Freude. Das ist Ekel.

Vereinfacht gesagt: Zuerst kommt die Emotion, danach das Gefühl.

Herausbewegen

Und hier schliesst sich ein schöner Kreis. Das Wort «Emotion» kommt vom lateinischen emovere, «herausbewegen». Eine Emotion ist wörtlich eine Kraft, die uns aus einem Zustand in einen anderen bewegt.

Die Kaskade im Körper bestätigt das: Noch bevor wir ein Wort für das Gefühl haben, hat sich der Körper schon in Bewegung gesetzt. Die Emotion bringt die Bewegung.

Entdecken wir Gefühle, oder bauen wir sie?

Darüber streitet die Wissenschaft. Die klassische Sicht sagt, es gebe Basisemotionen wie Angst, Ekel und Überraschung, die überall auf der Welt gleich sind und die wir einfach richtig erkennen müssen. Die Emotionsforscherin Lisa Feldman Barrett hält dagegen: Unser Gehirn baut Gefühle im Moment zusammen, aus dem Rohmaterial des Körpers und aus den Begriffen, die wir gelernt haben.

Das Rohmaterial kann dasselbe sein: Adrenalin, Herzklopfen, ein bisschen Schwitzen. Ob ich es «Lampenfieber» oder «Vorfreude» nenne, ist dann ein Stück weit meine Interpretation. Wir kleben das Etikett selbst auf. Je feiner unser Vokabular für unsere körperlichen Zustände, je sensorisch wacher der Körper ist, desto feiner können wir unterscheiden, etwa zwischen Neid und Eifersucht, zwischen Spannung und Entspannung, zwischen Angst und Unsicherheit.

Zurück hinter das Glas

Wenn ein Gefühl das Ende einer solchen Kaskade ist, kann es an mehreren Stellen unterbrochen werden. Vielleicht kommt das Signal des Körpers gar nicht erst an. Vielleicht wird es nicht eingeordnet, oder es findet kein Wort dafür. Wer «nichts fühlt», hat deshalb nicht einfach keine Gefühle. Oft ist nur der Weg vom Körper zum Bewusstsein unterbrochen oder ein bisschen “verstopft”.

Hier kommt der Körper ganz konkret ins Spiel. Das erlebe ich in meiner Praxis immer wieder: Sind Muskulatur und Fasziengewebe verspannt, myofasziales Gewebe gewissermassen «verklebt», kommen die Signale nur gedämpft an. Wir werden für uns selbst schwerer lesbar, fast ein bisschen taub. Ist das Gewebe dagegen gut durchblutet und natürlich spannkräftig, entsteht eine Art kinästhetische Wachheit: Wir spüren feiner, was in uns geschieht, und können körperliche Veränderungen besser deuten. Der erste Schritt der Kaskade ist dann offen.

Natürlich ist das nur ein möglicher Faktor unter vielen. Dass wir uns selbst nicht mehr spüren, kann viele Gründe haben, auch psychologische, zum Beispiel einen Verlust, Erschöpfung. Der Körper ist ein Zugang, aber nicht der einzige.

Der Körper als Ausgangspunkt

Gefühle entstehen also im Zusammenspiel von Körper, Wahrnehmung und Erfahrung. Deshalb reicht es nicht, nur im Körper zu denken oder nur in der Psyche. Gesundheit verstehen wir heute im biopsychosozialen Modell: Körper, Psyche und soziales Umfeld wirken zusammen. Die Kunst liegt darin zu erkennen, wie diese Ebenen sich gegenseitig beeinflussen und wo für den einzelnen Menschen der grösste Hebel liegt.

In meinem Buch “BALANCE STATT SCHMERZ” beginne ich beim Körper, weil er die Basis ist. Der Körper mit seinen Sinneskanälen prägt unsere Wahrnehmung der Welt. Unsere Wahrnehmung prägt, wie wir antworten und uns verhalten. Und unser Verhalten beeinflusst, wie wir auf andere Menschen wirken und wie die Welt auf unsere Haltung ihr gegenüber reagiert.

PS: Mein Buch «Balance statt Schmerz – Über den Körper zur gesunden Identität» geht nächste Woche in den Druck und ist voraussichtlich in etwa vier Wochen erhältlich. Möchten Sie eine Leseprobe? Dann schreiben Sie mir und ich schicke Ihnen gerne einen Text aus dem Buch. 

Herzlich
Juliane

THE BALANCE ACADEMY