Was macht uns eigentlich lebendig?
Zwei Menschen, zwei unterschiedliche Befunde – und dieselben Schmerzen. Ein Gedankengang darüber, was einen Organismus eigentlich lebendig macht.

Liebe Leserin, lieber Leser
Stellen Sie sich zwei Menschen vor.
Der eine wurde bereits mehrfach am Rücken operiert. Bandscheibe, dann noch einmal, dann eine Versteifung. Strukturell ist einiges verändert, korrigiert, stabilisiert worden. Und trotzdem: Die Schmerzen sind nach einiger Zeit wiedergekommen – oder vielleicht sogar nie ganz verschwunden.
Die andere lässt ein Röntgenbild machen, dazu vielleicht noch ein MRI. Die Ärztin schaut sich die Bilder an und sagt: «Ich sehe hier nichts Auffälliges.» Eventuell eine geringe, altersentsprechende Abnutzung – aber kein Bandscheibenvorfall, keine Entzündung, keine strukturelle Erklärung. Und trotzdem: Die Schmerzen sind da, schränken ein.
Zwei völlig unterschiedliche Ausgangslagen. Und doch führen sie zur selben Frage: Wenn es nicht (nur) an der Struktur liegt – woran liegt es dann?
Struktur allein macht noch kein Leben
Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick, der zunächst weit weg von Rücken und Röntgenbildern führt – nämlich zur Frage, was ein Lebewesen eigentlich zu einem Lebewesen macht.
Man könnte meinen, es reiche, die richtigen Bausteine zusammenzusetzen. Ein Herz, eine Lunge, einen Darm, Muskeln, Knochen, Nerven – alles korrekt angeordnet, alles strukturell intakt. Ist das schon ein Lebewesen?
Nein. Die Zusammenführung materieller Strukturen allein ergibt noch kein System – geschweige denn ein Lebewesen.
Was einen Organismus lebendig macht, ist etwas anderes: die Gesamtheit der situationsgerecht geregelten, funktionsorientierten Dynamik der verschiedenen Strukturelemente. Nicht die Organe an sich, sondern das, was zwischen ihnen geschieht.
Ich bin kürzlich in einem Buch zur Konstitutionsmedizin auf einen Satz gestossen, der genau das auf den Punkt bringt – zugeschrieben Christoph Wilhelm Hufeland, einem Arzt, der von 1762 bis 1836 lebte:
«Die Natur kennt keine Organe, sie kennt nur Funktionen und schuf sich das Organ als Werkzeug.»
Erst die vielfältigen, im menschlichen Organismus ablaufenden Funktionen definieren ihn als lebendiges Wesen. Nicht die korrekte Anordnung struktureller, intakter Organe allein.
Zurück zu den Schmerzen
Und genau hier schliesst sich der Kreis zu unseren zwei Menschen von vorhin.
Beim einen wurde die Struktur mehrfach verändert – operiert, korrigiert, stabilisiert. Doch die Operation allein reicht nicht, wenn das umliegende System nicht wieder lernt, funktionsorientiert zusammenzuspielen. Ein korrigiertes Segment in der Wirbelsäule sagt noch nichts darüber aus, ob die Muskulatur drumherum wieder koordiniert arbeitet, ob die Bewegungsmuster sich angepasst haben, ob der ganze Organismus die neue Situation als stimmig erlebt.
Bei der anderen ist die Struktur unauffällig – und trotzdem etwas nicht im Gleichgewicht. Auch das ergibt Sinn, wenn man bedenkt, dass Schmerz selten nur eine Frage der Struktur ist. Er entsteht im Zusammenspiel: aus Bewegungsmustern, aus Haltung, aus der Art, wie ein Mensch mit Belastung, mit Stress, mit sich selbst umgeht. Das alles zeigt sich nicht auf einem Röntgenbild.
Die Struktur ist die Bühne. Aber das Leben – und die Gesundheit – spielt sich im Funktionieren, in der Bewegung ab.
Warum das so wichtig ist
Das ist keine kleine Nebensache. Es verändert grundlegend, wie wir über Gesundheit und Schmerz nachdenken sollten.
Wenn wir glauben, Gesundheit sei allein eine Frage der korrekten Struktur, dann suchen wir die Lösung immer im Reparieren, Korrigieren, Operieren. Und wenn danach die Schmerzen bleiben, stehen viele Menschen ratlos da – die Struktur wurde doch behoben.
Wenn wir aber verstehen, dass es die Dynamik, das Zusammenspiel, die Funktion ist, die uns lebendig und gesund macht, dann öffnet sich ein ganz anderer Weg: Wir können lernen, wie unser Organismus sich durch Haltung und Bewegung selbst organisiert – und wie wir dieses Zusammenspiel wieder in eine gute Ordnung bringen können, unabhängig davon, wie das Röntgenbild aussieht.
Genau darum geht es in meiner Arbeit: nicht nur auf die Struktur zu schauen, sondern auf das, was dazwischen geschieht.
Aktuelle Angebote
Bewegung als Medizin Der nächste Kurs findet statt am Samstag, 26. September 2026, von 08:30 bis 12:00 Uhr, in Mollis. Die ersten Anmeldungen sind bereits eingegangen – wenn Sie dabei sein möchten, melden Sie sich gerne.
Myofasziales Training Ab Ende August wieder regelmässig:
- Dienstag, 25.08., 18:15–19:15 Uhr – bereits ausgebucht
- Freitag, 28.08., 08:00–09:00 Uhr – noch Plätze frei
Falls Ihnen die Termine nicht passen: Ich biete acht Videos an (je 12–24 Minuten) mit Aufwärmen, Entspannung und Übungen zu unterschiedlichen faszialen Qualitäten. Melden Sie sich einfach bei mir, wenn Sie Zugang wünschen.
PS: Es gibt endlich Neuigkeiten zum Buch: Das Probeexemplar von «Balance statt Schmerz – Über den Körper zur gesunden Identität» geht in den Druck. Ein besonderer Moment nach dieser langen Zeit – ich bin selbst gespannt, wenn ich es bald in den Händen halte.
Herzlich Juliane
