Wenn das Gewebe ins Stocken gerät

Nach dem Jäten im Garten fällt das Aufrichten schwer? Ein Gedankengang darüber, was Ihr Gewebe wirklich braucht, um beweglich zu bleiben.

Liebe Leserin, lieber Leser

Vielleicht kennen Sie das: Sie waren im Garten, haben die Beete für den bevorstehenden Herbst vorbereitet, gejätet, geharkt, die Stauden geschnitten. Stundenlang gebückt, ganz auf das konzentriert, was vor Ihnen zu tun war. Und dann, als Sie sich endlich aufrichten wollen – geht es nicht so leicht, wie Sie sich das gedacht hatten. Der Rücken braucht einen Moment. Das Gewebe fühlt sich fest an, fast wie zusammengezogen. Erst nach ein paar vorsichtigen Bewegungen kommen Sie wieder in die Aufrichtung – und richtig in die Gänge kommen Sie erst eine Weile später.

Ein kleiner, fast alltäglicher Moment. Und doch steckt darin etwas, das weit über die Gartenarbeit hinausweist.

Ein Raum, der gerne mit frischem «Wasser» versorgt werden will

Zwischen unseren Zellen liegt ein Raum, den man als extrazelluläre Matrix bezeichnet – eine Flüssigkeit ausserhalb der Zelle, die die Zelle umspült, in der sie gleichsam schwimmt. In der Naturheilkunde wird dieser Raum nach dem österreichischen Anatomen Alfred Pischinger auch Pischinger-Raum genannt. Es ist der Ort, an dem Bindegewebe, Gewebeflüssigkeit, feinste Nervenenden und die kleinsten Blutgefässe zusammentreffen. Hier findet der eigentliche Austausch statt: Nährstoffe gelangen zur Zelle, Abfallstoffe werden abtransportiert, Informationen und Aufträge werden weitergegeben.

Damit das gut funktioniert, muss dieser Raum hydriert – befeuchtet – sein, und die Flüssigkeit darin muss zirkulieren und sich immer wieder erneuern. Wie ein Bach, der stetig fliesst, statt zu einem stehenden Tümpel zu werden. Ein See ohne Zulauf von Frischwasser kippt eher um.

Genau hier setzen fehlende Bewegung, einseitige Bewegungsmuster oder auch Verletzungen an. Wird ein Bereich des Gewebes über lange Zeit immer gleich belastet – oder zu lange in derselben Haltung gehalten, wie beim gebückten Jäten –, gerät der Austausch ins Stocken. Das Gewebe wird zäher, träger. Es verliert an Elastizität und gesunder Spannkraft.

Und genau das spüren Sie dann, wenn Sie sich aus der gebückten Haltung aufrichten wollen: einen Moment des Widerstands, bevor sich das Gewebe wieder löst.

Ein Fenster in etwas Grösseres

Der Moment im Garten ist dabei nicht der Moment, in dem das Gewebe ins Stocken gerät – er ist der Moment, in dem Sie es bemerken. Die fehlende Zirkulation, die fehlende gesunde Durchblutung, die fehlende Vielfalt an Bewegung im Vorfeld dürften den Nährboden dafür längst bereitet haben. Das Jäten macht nur sichtbar, was sich vorher schon angebahnt hat.

Harmlos ist dieser Moment trotzdem – ein paar Sekunden, dann sind Sie wieder aufgerichtet, der Tag geht weiter.

Aber er ist auch ein kleines Fenster in einen grösseren Zusammenhang. Was hier für Minuten geschieht, kann sich über Jahre hinweg verfestigen, wenn einseitige Muster nie ausgeglichen werden: am Schreibtisch, im Auto, in immer denselben Bewegungsabläufen des Alltags. Das Gewebe verliert dann nicht nur für einen Augenblick seine Spannkraft, sondern gewöhnt sich daran – und aus dieser Gewöhnung entstehen mit der Zeit Steifheit, Bewegungseinschränkung, manchmal auch Schmerz.

Nicht, weil etwas kaputtgegangen ist. Sondern weil der Raum zwischen den Zellen nicht mehr durchspült wurde, wie er es bräuchte.

Was dem Gewebe hilft

Die gute Nachricht: Dieser Raum lässt sich pflegen.

Ganz bewusstes, vielfältiges Bewegungsverhalten hält den Austausch in Gang – Bewegung, die nicht immer denselben Mustern folgt, sondern das Gewebe aus verschiedenen Richtungen beansprucht. Eine saubere Haltungskorrektur nimmt Druck von den Stellen, die sonst dauerhaft überlastet werden. Und gezielte Gewebearbeit – etwa durch Osteopathie oder aktives Faszientraining – unterstützt genau das, was der Pischinger-Raum braucht: Fliessen statt Stocken.

So bleibt das Gewebe über die Jahre vital – nicht, weil es geschont wird, sondern weil es in Bewegung bleibt.

Wie Sie das ganz konkret erlernen können

Bewegung als Medizin
Wie Sie durch Ihre Haltung das Körpergewebe ausgeglichen halten, lernen Sie in meinem Kurs am Samstag, 26. September 2026, 08:30–12:00 Uhr. Es hat noch 3 Plätze frei.

Myofasziales Training
Eine gezielte Pflege dieses Raums durch Übungen und Training erhalten Sie im laufenden myofaszialen Training – dienstags, 18:15–19:15 Uhr, und freitags, 08:00–09:00 Uhr. Beide Termine sind aktuell ausgebucht.

Falls Ihnen die Termine nicht passen oder Sie lieber zu Hause üben: Mein Videokurs mit acht Übungssequenzen zwischen 12 und 24 Minuten steht Ihnen jederzeit zur Verfügung – Aufwärmen, Entspannung und gezielte Übungen für unterschiedliche fasziale Qualitäten. Melden Sie sich gerne bei mir für den Zugang.

Balance statt Schmerz
Das Buch erscheint bald – die erste Leseprobe finden Sie schon jetzt auf meiner Website.

 

Herzlich
Juliane

THE BALANCE ACADEMY